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Sicherheitspolitik auf dieser Welt darf nicht länger eine Männerdomäne sein
Nachrichten-Code: 296604 Datum: 2012/02/14 - 22:48Quelle: islam.deprint

Artikel
Sicherheitspolitik auf dieser Welt darf nicht länger eine Männerdomäne sein

Tawakkul Karman, Friedensnobelpreisträgerin und Vorsitzende von „Journalistinnen ohne Ketten“, auf der 48. Münchner Sicherheitskonferenz mit einer beeidruckenden Rede über die jüngsten Massaker in Syrien und die Entwicklungen in arabischen Welt - Hier vollständige Rede, auch als VIDEO und auf ARABISCH 

 Sicherheitspolitik auf dieser Welt darf nicht länger eine Männerdomäne sein
Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
as-salāmu ʿalaikum – Friede sei mit Ihnen,

wir
sind heute versammelt bei der Münchener Sicherheitskonferenz, um die
Zukunft der Sicherheit und des Friedens auf der Welt zu diskutieren. In
genau diesem Moment ist das Regime von Bashar al-Assad dabei, Hunderte
von Menschen in Syrien zu töten und Tausende weitere zu verletzen  –
Menschen, die nach Freiheit und Demokratie streben. Gestern wurde ein
schreckliches Massaker in der Stadt Homs begangen, welches lediglich die
Fortsetzung dessen ist, was tagtäglich in dieser tapferen Stadt
geschieht. Diese Stadt ist das Herz der friedlichen Revolutionsbewegung
in Syrien. Bashar al-Assad begeht diese Verbrechen und hat dabei durch
Russland und China einen beschämenden Rückhalt auf internationaler
Ebene; beide Länder sind ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrates,
dessen Aufgabe eigentlich darin bestehen sollte, Frieden und Sicherheit
in der Welt zu verbreiten und an der Seite der Schwachen zu stehen und
jener Menschen, denen Ungerechtigkeiten widerfahren.

Russland und
China tragen – durch ihre ablehnende und blockierende Haltung
internationalen Maßnahmen gegenüber, die dem syrischen Volke Schutz
gewähren und das Regime Assads für seine Gräueltaten verurteilen würden –
die menschliche und moralische Verantwortung für diese Massaker. Im
Namen der kämpfenden arabischen Jugend vom Golf bis zum Ozean möchte ich
unsere absolute Verurteilung der Haltung dieser beiden Länder
aussprechen, die das kriminelle Regime von Assad unterstützen.
Gleichzeitig wertschätzen wir die Erklärung aller weiteren 13
Mitgliedsstaaten des Sicherheitsrates, die den am gestrigen Tage
vorgestellten arabisch-europäischen Resolutionsentwurf unterstützt
haben, allen voran die USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien.
Im Namen Ihrer Regierungen rufe ich Sie auf, diesen grausamen Krieg zu
verurteilen. Und ich fordere Sie dazu auf, keine Anstrengungen zu
unterlassen, um die nötigen Maßnahmen zum Schutze des syrischen Volkes
ergreifen zu können.

Ich möchte Sie daran erinnern, meine sehr
verehrten Damen und Herren, dass Frieden zwischen Ländern nicht
wichtiger ist als Frieden innerhalb eines Landes. Die von Diktatoren
gegen die eigenen Völker geführten Kriege sind nicht weniger kriminell
und rechtsverletzend als ein Krieg, der zwischen Ländern stattfindet.
Der Krieg von Bashar al-Assad gegen sein Volk ist ein Krieg gegen die
Menschlichkeit und die von ihm angerichteten Massaker eine provozierende
Massakrierung menschlichen Gewissens. Dies erfordert eine rigorose
Haltung der internationalen Staatengemeinschaft.

Das menschliche
Gewissen wird keine Ruhe lassen, Sie werden keine Ruhe finden, solange
man die geduldigen und friedfertigen jungen Leute in Syrien sieht, deren
Blut massenhaft auf den Straßen vergossen wird. Wir sehen heute dem
großen Sieg des ruhmreichen syrischen Volkes entgegen, das nach
Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden strebt. Wir müssen an seiner Seite
stehen und ihm Schutz gewähren, um zu beweisen, dass die internationale
Legitimität sowie daraus hervorgehende Konventionen und Werte stärker
sind als die Waffen der Despoten und nobler als die Repressalien der
Tyrannen.











Die von Diktatoren gegen die eigenen Völker
geführten Kriege sind nicht weniger kriminell und rechtsverletzend als
ein Krieg, der zwischen Ländern stattfindet.












Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind hier
als Entscheidungsträger und politische Vertreter eingeladen, um zügige
Maßnahmen zu ergreifen, die dem Schutz des syrischen Volkes dienen und
das kriminelle Regime Assads verurteilen. Ich rufe Sie dazu auf, im
Namen der revolutionierenden, geduldigen und friedlichen arabischen
Jugend, die Botschafter des syrischen Regimes aus Ihren Ländern zu
vertreiben und Ihre Botschafter aus Damaskus zurückzurufen. Das ist das
Mindeste, was Ihre Regierungen dem syrischen Regime gegenüber tun
könnten. Außerdem rufe ich Sie dazu auf, alle in Ihrer Macht stehenden,
nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um dem syrischen Volke ausreichend
Schutz zu gewährleisten.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
wir
müssen wissen, dass ohne einen umfassenden demokratischen Wandel keine
Stabilität im Nahen Osten herbeigeführt werden kann und ohne, dass die
Völker und Gesellschaften der Region Frieden, Demokratie und gute
Regierungsführung erleben können. Andernfalls wird der Nahe Osten dazu
verdammt sein, in Instabilität und mangelnder Sicherheit leben zu
müssen.
Stabilität im Nahen Osten hängt von einem Übergang der
arabischen Völker und Länder hin zu Demokratie und guter
Regierungsführung ab. Die korrupten und nepotistischen Regime, die in
vielen der arabischen Länder herrschen, sähen neuen Boden für
Terrorismus, Konflike und Instabilität. Ich möchte noch einmal betonen,
dass Stabilität in unseren arabischen Ländern von großer Bedeutung für
die gesamte internationale Staatengemeinschaft ist. Ein Diktator, der
sein eigenes Volk tötet und es seiner Kräfte beraubt, begeht damit ein
Verbrechen gegenüber menschlichen Werten, sowie internationalen
Menschenrechtsverträgen und –vereinbarungen. Aus diesem Grunde stellt
die Unterdrückung, die unsere arabischen Länder unter Despoten und
Tyrannen widerfahren, eine echte Bedrohung für den internationalen
Frieden dar.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
der neue Nahe Osten, nach dem die arabische Jugend heute strebt, ruht auf zwei Säulen:
Die
erste Säule ist Demokratie. Ich kann mir keinen sicheren und stabilen
Nahen Osten vorstellen, in dem Diktaturen sowie korrupte und despotische
Regime regieren. Ich möchte auch noch einmal Ihre Aufmerksamkeit darauf
lenken, dass Tyrannen und die Anhänger ihrer Regime in mehreren
arabischen Ländern immer noch unschuldige Menschen töten und einem
demokratischen Wandel im Wege stehen. In meinem Land, im Jemen, hält die
Familie von Ali Abdallah Saleh immer noch die Oberhand über den
Sicherheits- und Militärapparat, obwohl er das Land bereits verlassen
hat. Das Korruptionsnetzwerk, welches er über seine 30-jährige Amtszeit
hinweg errichtet hatte, hat nach wie vor die Regierungsgewalt inne.
Zusammen mit seinen führenden Sicherheits- und Militärfunktionären
genießt er Immunität und den Schutz der Golfinitiative. Dies hat Ihnen
die Möglichkeit gegeben, noch mehr Menschenleben zu nehmen, Unruhe zu
stiften und den demokratischen Übergang zu verhindern, für den unsere
Jugend mit Ihrem Blut bezahlt hat. Deswegen dränge ich die Vereinigten
Staaten, die europäischen Länder und alle Länder der Welt, um die Mittel
von Saleh und seinen führenden Zivil- und Militätfunktionären
einzufrieren und seine Akte vor dem internationalen Gerichtshof zu
bringen. Er muss als Krimineller behandelt werden. Für das Blutvergießen
vieler unschuldiger Menschen im Jemen und die Ausplünderung der
Reichtümer des Landes muss ihm Gerechtigkeit widerfahren.

Die
zweite Säule für einen neuen Nahen Osten ist Gerechtigkeit. Es ist klar,
dass ein neuer Naher Osten, der Sicherheit und Stabilität genießt,
nicht Wirklichkeit werden kann, solange Millionen von Palästinensern als
Flüchtlinge außerhalb ihrer Heimat leben müssen und weitere Millionen
in einer Besatzungszone leben, obwohl das Völkerrecht sowie
internationale Vereinbarungen auf ihrer Seite stehen. Die
palästinensische Angelegenheit übt nach wie vor starken Druck auf das
menschliche und arabische Gewissen aus. Daran wird sich nichts ändern,
bis dieses ruhmreiche Volk Gerechtigkeit erfährt und die Völker der
Region in Sicherheit, Frieden und Stabilität leben können – denn es gibt
kein Frieden ohne Gerechtigkeit.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Freiheit
von innen und Gerechtigkeit von außen ist alles, was der neue Nahe
Osten braucht, um wieder zu erwachen – mit seinen jungen Völkern, seinen
ruhmreichen Zivilisationen und seinen vielen Ressourcen. All dies muss
Teil einer menschlichen Lösung, nicht Teil eines Problems sein.
Und
schlussendlich, meine sehr verehrten Damen und Herren, loben wir die
Bemühungen der Organisatoren dieser Konferenz. Allerdings möchte ich
gerne Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, dass Frauen in diesem Forum als
Teilnehmerinnen sowie Referentinnen unterrepräsentiert sind. Außer mich
und Hilary Clinton, gibt es kaum Frauen auf dieser Konferenz, in der
über Sicherheitspolitik auf dieser Welt entschieden wird. Das ist ein
Beispiel für die dominierende männliche Präsenz, die über die Teilhabe
von Frauen hinweg schaut. Und das ist auch eine Erklärung für die
Konflikte und Kriege, die die Welt in letzter Zeit erleben musste. Denn
für eine gute Sicherheitspolitik, für eine Welt von Frieden und
Sicherheit, hoffe ich, dass Frauen eine faire und gerechte Teilhabe in
zukünftigen Sicherheitskonferenzen erfahren werden.
Vielen Dank!
Möge der Friede mit Ihnen sein.























 




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